"Mach doch einfach lauter"

„Du kannst doch deine Hörgeräte einfach lauter einstellen. Oder?“
Diesen wohlgemeinten Tipp bekomme ich, wie wohl auch andere Betroffene, immer mal wieder. Spätestens dann wird klar, wie abstrakt hören tatsächlich ist. Die Kombination aus Krankheitsbild und persönlichem Empfinden ist dabei so vielfältig, dass eine einfache Erklärung oft nicht möglich scheint. In meinem Fall behelfe ich mir an dieser Stelle mit Beispielen aus der Welt des Sehens, sofern mein Gegenüber darin nicht eingeschränkt ist. Wollen wir es mal versuchen?
Zunächst ist meine Welt tatsächlich leiser als die eines Normalhörenden. Ohne Hörgeräte um rund 50%. Stell dir vor, du verlierst die Fähigkeit Farben zu sehen. Das berühmte Bild der Mona Lisa wäre auch in Graustufen trotzdem noch erkennbar, auch wenn es von seinem Reiz einbüssen würde. Farben gehören eben wie auch Geräusche zur Lebensqualität dazu.
 
Nun kommen bei mir auch noch (fast) nicht mehr hörbare Frequenzen im Bereich der hohen Töne hinzu. Diese sind aber für die Sprachverständlichkeit ungemein wichtig, weil sie Konsonanten korrekt hörbar machen. Ohne Hörgeräte ist es für mich völlig unmöglich, die Buchstaben B, D, F, G, H, K, L, M, N, P, S, T, V, W, X und Z zu unterscheiden. Übertragen auf unsere Mona Lisa bedeutet das für dich, das Bild nun auch noch ziemlich unscharf zu sehen. Auf den ersten Blick erkennst du nur das Gemälde einer Frau, dein gespeichertes Wissen lässt dich aber bald und mit etwas Unsicherheit Da Vinci’s Meisterwerk identifizieren. Diese „Übersetzungsarbeit“ kann auf Dauer anstrengend sein, nicht wahr?
Wie bei vielen anderen Hörbehinderten tritt nun, sozusagen als i-Tüpfelchen, der Tinnitus auf die Bühne. Zusätzlich zu dem leisen und bruchstückhaften Gesagten, welches bei mir ankommt, wird das alles noch von zwei „eingebildeten“ Geräuschen überlagert. Ein ziemlich lautstarker Pfeiffton gepaart mit einem dumpfen Rauschen macht Hören spätestens nach ein paar Stunden zu purem Stress. Betrachten wir uns Mona Lisa. Das verschwommene Graustufenbild wird jetzt auch noch von Flecken verunstaltet, welche ein Erkennen nahezu unmöglich machen. Hast du jetzt eine ungefähre Vorstellung, wie sich meine Welt anhört?
Aber dazu hast du doch deine Hörgeräte, wirst du jetzt einwenden. Stimmt. Nur muss man sich vor Augen halten, dass diese Teile Hilfsmittel und keine Heilmittel sind. Wie ein Rollstuhl einem Gehbehinderten wenigstens eine eingeschränkte Mobilität verleiht, helfen mir meine Hörgeräte, Kommunikation mit Abstrichen zu betreiben. Vermutlich sähest Du mit einer vergleichbaren Brille Mona Lisa so:
Entscheide selbst, wie Du damit für den Rest Deines Lebens umgehen würdest.

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