Widerstand und Selbstzweifel

Im Januar bekam ich unerfreuliche Post vom Versorgungsamt, welches mir mitteilte, dass mir mein bis April 2015 befristeter Schwerbehindertenausweis entzogen wird, da man mir ab diesem Termin nur noch einen GdB von 40 zuerkennen will. Das sind jene Tage, an denen man nach dem Gang zum Briefkasten am liebsten sofort wieder unter die Bettdecke kriechen würde.
Abgesehen davon, dass an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit nicht plötzlich wieder verschwindet, haben es ähnlich Betroffene ohnehin nicht verstanden, warum man mir 2011 nur einen zeitlich begrenzten Ausweis ausgestellt hat. Auch der örtliche Ansprechpartner für Behinderte in der hiesigen Stadtverwaltung zeigte sich von dieser Entscheidung etwas überrascht. Ohne Verzögerung haben wir deshalb noch an diesem Tag Widerstand gegen den vorläufigen Bescheid angekündigt.
Den begründeten Widerspruch habe ich dann ein paar Tage später, nachdem die Emotionen wieder auf einem normalen Niveau angekommen waren, in aller Ruhe aufgesetzt. Dabei verwies ich auf die aktuellen Befunde der HNO-Klinik und beschrieb die täglichen Auswirkungen von schlechtem Sprachverständnis in Verbindung mit einem massiven Tinnitus. An dieser Stelle kommen mir dann immer Zweifel, ob ich mit meinen Beschreibungen realistisch bin. Während mir selbst der alltägliche Umgang mit unverständlichen Zeitgenossen, Ohrgeräuschen, Stress und Kopfschmerzen zur Gewohnheit geworden ist, bekomme ich sehr oft erstauntes Feedback von meinem sozialen Umfeld, wie ich „das so alles schaffe“.
Vermutlich ist es die Art und Weise, wie ich mit meiner Behinderung umgehe. Wie ich mich selbst als Teil der Umwelt sehe bzw. gesehen werden will. Indem ich nicht vor Kommunikation mit mehr oder weniger fremden Menschen zurückschrecke, sondern aktiv auf Andere zugehe, was manchmal auf Unverständnis stösst, wenn ich im Gesicht meines Gegenübers die Frage sehe, „was will der jetzt eigentlich von mir“. Eben einfach Gespräche als Selbstzweck. Jedenfalls so lange die Konzentration ausreicht. Und hier werden mir schnell meine Grenzen klar.
Zurück zum Widerspruch. Die Wahrnehmung der Familie und des engsten Freundeskreises sind bei der Begründung eins solchen deutlich realistischer als das Selbstbild. Und haben dann offensichtlich auch ein Umdenken bei der zuständigen Sachbearbeiterin bewirkt, denn der nun erhaltene Ausweis ist unbefristet auf einen GdB von 50 ausgestellt.
Hoffen wir mal, dass das für die nächsten Jahre Bestand hat.

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